Ich muss mal dringend...Werbung schauen

11. Juni 2010

digital signage, Verena Gründel, Ausgabe 2/2010, S. 10-11

Bei Jost's wollen die Gäste gar nicht mehr runter vom Klosett. Das hat aber weder medizinische Gründe noch liegt es an den zweifelhaften Künsten der Köche des Pforzheimer Restaurants - ganz im Gegenteil: Auf den Toiletten läuft JostTV, das eigene Digital Signage-Programm des Restaurants, und unterhält die Kunden. 

Drei Displays befinden sich auf dem Herren-Wc. Medialesson, das Pforzheimer Unternehmen, das die Installation realisierte, ließ in die Fliesen über jedem der drei Pissoirs einen spritzwassergeschützten 15-Zöller ein. Auf der Damentoilette installierte es einen 22-Zoll-Monitor in den Schminkspiegel. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Installation hatte der Inhaber des Restaurants Jost's, Theo Jost. Er will den Gästen im Restaurant so viel Information und Unterhaltung wie möglich vermitteln und interessierten Kunden eine Werbemöglichkeit bieten. „Wo steht man zwangsläufig und gezwungenermaßen mehrmals täglich und hat keine andere Wahl, als an die Wand - oder bei uns in einen unterhaltsamen und informativen Bildschirm - zu schauen?“, fragt er und gibt darauf selbst eine Antwort: „Nur am Pissoir. Für die Damen gilt dasselbe am Spiegel.“


Modisch für die Dame, 
sportlich für den Herrn

Da sich bei Männern und Frauen nicht nur die Gewohnheiten beim Gang zum Klo unterscheiden, sondern auch die Interessen, zeigen die Bildschirme geschlechterspezifische Unterhaltung. In Videos von Modenschauen können sich die Damen aktuelle Fashiontrends anschauen - und natürlich ausgiebig darüber diskutieren. Bei den Herren laufen Clips zu Extremsportarten. Für  Abendveranstaltungen stehen Musikvideos zur Verfügung. Die Unterhaltungsfilme wechseln sich mit Werbung lokaler Unternehmen ab. Die Reklame kann ebenfalls geschlechterspezifisch eingespielt werden, muss es aber nicht. Im unteren Drittel der Bildschirmoberfläche ist ein Streifen für das Restaurant Jost's reserviert, das seine Gäste dort auf Veranstaltungen und Aktionen des Lokals aufmerksam macht. Passender Ton unterstreicht die Inhalte. Über die Unterhaltungsclips legt medialesson Musik - meist die gleiche wie im Speiseraum - , es sei denn, sie sind bereits vertont. Die Werbespots können dementsprechend ebenfalls mit Ton abgespielt werden.

Je nach Anlass passt medialesson die Inhalte an: Zum Beispiel bei geschlossenen Veranstaltungen würden die Displays häufig für eigene Inhalte des Veranstalters verwendet. Die Geschäftsführerin Petra Schneider erzählt: „Zum Beispiel bei einem sechzigsten Geburtstag lief eine Diaschau der Kinder- und Jugendbilder des Feiernden, welche sehr zur Unterhaltung der Gäste beitrug und die Gäste länger als nötig auf den Toiletten verweilen ließ.“ Bei Firmenfeiern würden hingegen oft Imagefilme oder Produktpräsentationen des Unternehmens gezeigt.


Klassisches Digital Signage im Gastraum

Zusätzlich zu den vier Monitoren im Sanitärbereich gibt es zwei klassische Informationsdisplays im Gastraum Einer davon steht am Eingang, ein weiterer in der offenen Showküche. Der Begrüßungsbildschirm, es handelt sich um einen 32-Zöller von Fujitsu Siemens, zeigt eine Schleife animierter Spots. Sie weisen auf die Gerichte des Mittagstisches hin, auf Veranstaltungen oder sonstige Angebote des Restaurants wie hausgemachte Nudeln, die der Gast daheim zubereiten kann. Bei geschlossenen Gesellschaften begrüßen die Veranstalter hier ihre Gäste. In der Showküche hängt ein 46 Zoll großes LC-Display, auf dem ein Nachrichtensender läuft. Er soll Besucher unterhalten, die allein gekommen sind.

Neben der Technik liegen ebenfalls die Inhalte in der Hand von medialesson. Das Unternehmen für Web- und Digital Signage-Lösungen erstellt die Eigenwerbung des Restaurants Jost's und bei Bedarf die Reklame für externe Firmen, die das Restaurant selbst akquiriert. Außerdem spielt medialesson die Inhalte ein Für die Übertragung der xml-Dateien per Internet vom Unternehmenssitz zum Restaurant kommt das Netzwerkprotokoll von Microsoft zum Einsatz, das Remote Desktop Protocol. Es kann Inhalte auf den Bildschirmen ferner Rechner darstellen und steuern. Die Playersoftware, die auf den Abspielechnern - Mac Mini - installiert ist, entwickelten die Pforzheimer selbst. Sie basiert zurzeit auf Adobe Flash 10, soll demnächst aber durch eine neue Software-Variante ersetzt werden, die auf Microsoft Silverlight aufbaut. Sie wird neben dem Player ebenfalls einen Redaktionsteil erhalten. 

Die Redewendung „sein Geschäft machen“ stammt aus der Zeit der alten Römer, die auf Gemeinschaftstoiletten tatsächlich Geschäfte abwickelten. Wer dachte, inzwischen sei der ursprüngliche Sinn dieses Spruchs überholt, irrt: Bei medialesson und Jost's bekommt er eine ganz neue Bedeutung.

Download Artikel

Gegen den Hunger: Dass man bei Jost´s auch gut essen kann, entnehmen die Gäste der digitalen Speisekarte.

Die Eitelkeit ausgenutzt: In der Damentoilette ist das Werbe- und Unterhaltungsdisplay in den Schminkspiegel integriert.

Gut geschützt zu sein, ist hier ein Muss: Die 15-Zöller halten Spritzwasser stand.

Wegschauen ist fast unmöglich: Die Displays für die Herren sind in Kopfhöhe angebracht.